Die heute in Berlin lebende isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir thematisiert in ihrem Buch ‘Jojo’ das Thema Kindermissbrauch und seine Folgen – ruhig, nachdenklich, verständnisvoll und erschütternd, nie anklagend.

In Berlin begegnen sich zwei Menschen, ein Arzt und sein Patient.

Der Radiologe Martin Montag hat eine steile berufliche Karriere hinter sich, der Patient, der Franzose Martin Martinetti, hat bisher als Clochard unter den Brücken gelebt. Zwei Menschen, die extrem unterschiedlich sind und die dennoch ein dunkles Geheimnis verbindet. Beide haben – um die Erlebnisse des Kindesmissbrauchs in der Vergangenheit zu verarbeiten – ihren eigenen Weg zum Überleben gesucht und gefunden.

Martin Montag hat sich auf die Radiologie konzentriert, da er das Ungeheuer der Kindheit wie einen bösartigen Tumor empfindet und bekämpfen möchte. Das unglaublich strukturierte, geordnete Leben des Arztes gerät aus den Fugen, als er eines Tages in einem älteren Patienten seinen Peiniger aus Kinderzeit erkennt und somit die Erinnerungen wieder erwachen. Martins Fassade, die einem Roboter gleicht und mit der er das Leben zu meistern versucht, beginnt langsam zu bröckeln und verursacht Unsicherheit und das Aufkommen alter Verletzungen. In seinem Leben war bisher kein Platz für Gefühle und sein perfektes Konstrukt beginnt sich aufzulösen. Seine Ehe ist eine gut arrangierte und terminierte Zweisamkeit und sein Leben eine Abfolge von geplanten Vorkommnissen. Platz für Erinnerungen an den Kindesmissbrauch gab es dort bisher nicht. Nun aber muss er sich diesen Erinnerungen stellen und fordert umso mehr die Freundschaft zu Martin Martinetti – dem Clochard – heraus. Ist dieser Clochard eine reale Person oder die fiktive Vorstellung des anders sein, des anderen verborgenen Teils von Martin Montag? Die Interpretation bleibt dem Leser überlassen.

Steinunn Sigurdardóttir nimmt uns mit auf die Reise, Martin Montag bei seiner zunehmend steigernden Hilflosigkeit zuzusehen und erzählt seine Geschichte in stiller leiser Form. Wie Menschen mit Schicksalsschlägen und das Leben bestimmenden Themen umgehen – das beschreibt sie eindrücklich und mit Nachhall in Ihrem Buch.

Wie reagieren die Umwelt und die Eltern auf das Thema, wo ist Platz für Hilfeleistungen, wie verändert sich ein Mensch im Laufe des Lebens, wie funktionieren Verdrängen oder Wahrnehmen, muss ein Arzt seinem Peiniger helfen – all dies sind nur einige Teilaspekte, die im Laufe der Geschichte einfliessen.

Die Betrachtungsperspektive bleibt dabei nicht konstant und beschreibt die Handlung und Gefühle wechselnd aus der Ichform des Martin Montags und aus einer beschreibenden 3. Person. Dies steigert die Spannung und verdeutlicht umso mehr die Zerrissenheit des Arztes.

Man kann das Buch schnell und auf die Story bezogen lesen – oder etwas langsamer und mit Augenmerk auf die unterschiedlichen Charaktere mit ihren Schicksalen und gewählten Lebensformen. In beiden Fällen wirkt die Geschichte, der Schreib- und Erzählstil sowie der behutsame Umgang mit schmerzenden Themen noch länger nach und regt zum Nachdenken an.

Ein Gastbeitrag von Mirja Grajer

Steinunn Sigurdardóttir, ‘Jojo’, Rowolt Verlag