Zugehörigkeit ist ein menschliches Urbedürfnis. Wird dieses nicht erfüllt, bricht das Motivationssystem zusammen. Das Selbstwertgefühl ausgegrenzter und isolierter Menschen nimmt rapide ab: Statt gleichwertig und zugehörig, fühlen sie sich minderwertig und unterlegen. Die erzeugte Seelenqual fühlt sich so heftig an wie körperliche Pein: Dass dieser Schmerz real ist, sieht man durch die Aktivierung derselben Hirnregion.

Mobbing ist kein Kinderspiel und sollte in manchen Kreisen ernster genommen werden, denn die Folgen für die Hirnentwicklung und die psychische Gesundheit sind ähnlich, wie die, welche durch andere Traumata zugeführt werden.

Mobbing – ein Gruppenphänomen

Wie wichtig das Zugehörigkeitsbedürfnis ist, erkennt man in den Anpassungs-Experimenten: Selbst, wenn der Mensch von sich aus gewisse Dinge nicht tun würde, ist er in der Gruppe bereit, sich ganz anzupassen, damit er nicht auffällt oder anders ist, sondern einfach dazu gehört.


Ein illustres Beispiel dafür, ist das Konformitäts-Experiment (Konformität = Anpassung) von Solomon Asch aus den 50-er Jahren :

Diese Anpassungstendenz in der Gruppe erklärt auch das Verhalten der verschiedenen Rollen in einem Mobbing-Geschehen. Anders als bei einem Konflikt, der bilateral ausgerichtet ist (1:1 oder eine Gruppe gegen eine andere Gruppe), handelt es sich bei Mobbing (mit wenigen Ausnahmen) um ein Gruppenphänomen. Dabei hat der Part der Zuschauer und der Mitläufer eine gewichtigere Bedeutung als bisher angenommen. Mobbing spielt sich nicht nur zwischen Täter und Opfer ab. Es sollten daher nicht nur die Täter zur Verantwortung gezogen, sondern es muss mit der ganzen Gruppe gearbeitet werden, da  Mitläufer und Zuschauer durch ihre Billigung der Situation, Mobbing erst möglich machen.

Mobbing darf nicht akzeptiert oder auf die leichte Schulter genommen werden. Die Art der Intervention entscheidet, wie nachhaltig, die Mobbingsituationen gelöst und wie das Klassenklima verbessert werden kann.

Für Eltern bedeutet diese Tatsache, dass sie die Mobbingsituation nicht auf eigene Faust lösen, sondern die Schule involvieren sollten. Für Lehrpersonen bedeutet es, dass Täter und Opfer nicht aus dem System gerissen und konfrontiert werden dürfen (was für das Opfer ohnehin ein Alptraum ist), um dann „Friedensverträge“ abzuschliessen. Dieses Vorgehen nimmt nur den Täter in die Verantwortung, der sich in diesem Moment beschämt fühlt und durch die Sanktionen, die er erfährt (z.B. Verbot, an Turnstunden/Schulausflügen teilzunehmen), verbessert sich sein Sozialverhalten kaum, sondern es kommen eher Rachegefühle auf. Wen wundert es nun, dass so viele Opfer keine Hilfe holen?

Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind gemobbt wird, wenn dieses aus Angst oder Scham nichts erzählt?

Diese nonverbalen Zeichen, können auf Mobbing deuten. Sie können aber auch anderen Ursprungs sein, die es zu untersuchen gilt:

  • Schlafstörungen, Essstörungen (Frustessen, keinen Appetit)
  • reizbar, aggressiv, Rebellion/Auflehnung u. Aggressivität zu Hause / gegen Schwächere
  • Frustrationstoleranz = 0, fehlende Lebensfreude, Minderwertigkeitskomplexe
  • abfallende Schulleistungen, schulische Schwierigkeiten
  • Schulverweigerung, fehlende Motivation, Unlust, Interessenverlust, Lügen
  • Verhaltensveränderungen, Wesensveränderungen, ungewöhnliches Verhalten
  • immer wieder krank, Gesundheitsprobleme, emotional unstabil
  • psychosomatische Beschwerden: Bauchweh, Kopfweh, Übelkeit,…
  • (soz.) Rückzug, wenig Kontakte, Isolation, fehlende Sozialkontakte, Anhänglichkeit
  • traurig, aggressiv (Autoaggressionen z.B. Selbstverletzungen oder gegen andere)
  • Niedergeschlagenheit, Vereinsamung, Depression, Selbstmordgedanken
  • Bettnässen, blaue Flecken, Aussehen und Kleidung verändern sich
  • Alpträume, Unsicherheit, Angst, Stimmungsschwankungen, Stress
Taktiken, die nicht aufgehen

Es gibt „aktive“ Opfer, welche sich mit Worten oder mit körperlicher Gewalt zu wehren versuchen: Meist kommen sie dann nicht nur von den Mitschülern unter die Räder, sondern, werden zudem noch von den Lehrpersonen gescholten, weil oft die „Reaktion“ jener Schüler, nicht aber die subtil vorangegangene Provokation der Täter und Mitläufer erkannt wurde. In solchen Fällen werden die wahren Opfer nicht erkannt, sondern eher wie Täter behandelt.

Andererseits gibt es auch Opfer, welche sich ganz passiv verhalten. Sie erhoffen, dass die Mobbingsituation von selbst ein Ende findet, indem sie nicht auf die Provokationen der Täter/Mitläufer eingehen, sondern alles erdulden und sich ruhig verhalten. Dem ist aber leider nicht so. Ohne Hilfe von aussen kann die Gewaltspirale kaum deeskaliert werden…


Filmbeispiel mit passivem Opfer: Let’s fight together (englischer Präventionsfilm)

Wann ist es kein Mobbing?

Es gibt Situationen, in denen Eltern in die Schule eilen, weil ihr Kind sich ausgegrenzt fühlt und man stellt dann fest, dass definitiv keine Mobbingsituation vorhanden ist. Dh. das Kind wird nicht aktiv ausgegrenzt, schikaniert oder drangsaliert, sondern unternimmt selber keine Schritte der Integration. Es erwartet immer von den anderen Mitschülern, hinzugenommen oder eingeladen zu werden und zeigt selber keine Eigeninitiative.

Immer wieder Opfer

Ein weiteres Phänomen zeigt, dass es Kinder gibt, welche immer wieder Opfer sind – einerlei in welcher Schulstufe, mit welcher Lehrperson oder in welcher Gruppenkonstellation sie sich befinden. Diesen Kindern muss dringend geholfen werden, denn sie sind selber von sich überzeugt, Opfer zu sein und verhalten sich dementsprechend.

Gibt es das typische Opfer?

Man ist lange davon ausgegangen, dass es nur bestimmte Menschen sind, die Opfer werden können. Heute weiss man, dass Mobbing jeden treffen kann, so wie es auch eine Vielzahl an Gründen gibt, weshalb eine Mobbingsituation ins Rollen kommen kann. Ab und an gibt es Fälle, in denen frühere Täter (zum Beispiel in der Grundstufe der Primarschule), in einer neuen Gruppenkonstellation zum Opfer werden… und umgekehrt.

Ist Bestrafung der „Täter“ die Lösung?

Vielen Eltern ist es wichtig, dass der Täter/die Täterin bestraft wird. Sanktionen können jedoch das „Fehlverhalten“ verstärken und der Lerneffekt ist gleich Null, was die Verbesserung der Sozialkompetenz betrifft. Ich selber arbeite in „klassischen“ Mobbingfällen (bei Cybermobbing wird u.a. aus rechtlichen Gründen anders vorgegangen) mit dem No Blame Approach, weil Täter und Mitläufer (Akteure) in die Wiedergutmachung involviert werden. Zu keinem Zeitpunkt wird beschuldigt oder beschämt, sondern es wird lösungsfokussiert gearbeitet. Eine Gruppe aus Akteuren + dem Opfer (Betroffenen) wohlgesinnter Schüler erhält die Verantwortung der Situationsverbesserung: Ziel ist es, dass es dem Betroffenen wieder besser geht. Eine Vorgehensweise, die Schüler lehrt, lösungsorientiert, empathisch und verantwortlich zu handeln. Eine Strategie, welche nachhaltig positiv auf das Klassenklima wirkt.

Meine 3 Lieblingsbücher zum Thema Mobbing

Klicke auf das Buch, um mehr Informationen zu erhalten