2 Ausgangslagen – 2 Fragen

Der Mensch als Egoist, nur an den Überlebenskampf denkend, prägt durch die Jahrhunderte nicht nur das Bild Richard Dawkins (Das egoistische Gen), sondern auch vieler Philosophen (Nietzsche, Schoppenhauer,…). Der bekannte Ausspruch von Hobbes „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ oder Sartre’s Kernaussage in Huis Clos „L’enfer, c’est les autres“ („Die Hölle, das sind die Andern“) seien da nur zwei Beispiele.

Wie erklärt man sich aber, von einem negativen Menschenbild ausgehend, dass so viele Leute selbstlos anderen helfen, in Ebola-Gebiete reisen, um vor Ort zu intervenieren, Flüchtlinge versorgen, ehrenamtlich arbeiten?

Auch wenn die Medien den Fokus ihrer Nachrichten auf Gewalt, Korruption und Krieg richten (was unser Menschenbild nicht gerade positiv beeinflusst) und wir im Alltag wiederholt Zeugen egoistischen Handelns sind, zeigen Studien immer häufiger, dass der Mensch von Natur aus, empathisch, kooperativ und altruistisch ist.

Wenn wir nun von diesem positiven Menschenbild der Wissenschaft und mancher Philosophen wie Arno Gruen ausgehen, wie erklären sich dann Gewalt an den Schulen, rechtsextreme Bewegungen, Betrug und Egoismus?

Hilfsbereite Kinder

Bereits 2006 schrieb Prof. Joachim Bauer in seinem Buch Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren, dass das darwinistische Modell des „war of nature“ einseitig und unvollständig sei und durch differenzierte Betrachtung ersetzt werden müsse. Dass Empathie und Kooperationsbereitschaft angeboren sind, zeigt u.a. eine Studie von Felix Warnecke am Max Plank Institut mit 18 monatigen Kindern. Der Studienleiter hing Tücher auf und liess „versehentlich“ Wäscheklammern fallen. Die Kinder zeigten sich immer hilfsbereit, selbst, wenn sie dabei waren, sich selber im Spiel zu amüsieren und die Hilfe ihnen keinen Vorteil brachte. Sobald die Kinder jedoch eine Belohnung für ihre Hilfe erhielten, verloren sie die Motivation und halfen nicht mehr.

Gutes tun, tut gut – oder wie wir die innere Motivation zur Hilfe durch Belohnung zerstören

Eine Studie von Daniel Schunk an der Universität Zürich zeigt, dass altruistisches/kooperatives Verhalten das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Menschen, die anderen etwas Gutes tun, erleben dadurch ein Glücksgefühl. Dh. die intrinsische (innere) Motivation zur Hilfsbereitschaft ist vorhanden. Wenn wir Kinder für ihr gutes Verhalten belohnen, zerstören wir ihre intrinsische Motivation und sie brauchen zukünftig immer extrinisische (äussere) Motivatoren, um kooperativ zu sein (helfen nur noch, wenn sie gelobt werden oder, wenn sie etwas dafür erhalten).

Empathie und Kooperation bei Tieren

Dass Empathie und Altruismus nicht allein menschlich oder nur eine Sache von Kultur und Erziehung, sondern angeboren sind, zeigt der niederländische Verhaltensforscher Frans de Waal in diversen Experimenten mit Tieren. Dabei fällt auf, dass durch das selbstlose Verhalten alle in der Gemeinschaft profitieren und die Kooperation überlebensnotwendig ist. Das würde wiederum erklären, weshalb das soziale Verhalten schon in der Erbanlage vorhanden ist.

„Gemeinschaftsgefühl ist, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren des anderen zu hören, mit dem Herzen des anderen zu fühlen.“  (Alfred Adler, in Psychotherapie & Erziehung, 1928)

Kooperation setzt Empathie voraus

Um altruistisch/kooperativ handeln zu können, muss ich mich erst in die andere Person einfühlen können. Wenn wir Emotionen anderer hören oder sehen, übersetzen wir automatisch deren Emotionen in unsere eigenen. In den 90-er Jahren fanden Forscher heraus, dass Mensch und Tier Spiegelneuronen besitzen, die für diese Spiegelreaktionen zuständig sind (Gähnen, Lachen, Schmerz, Ekel, etc.). Wie sehr Lachen ansteckend sein kann, wurde in einem Experiment an einer Tramhaltestelle gefilmt…

Heute weiss man, dass für das Einfühlungsvermögen, das uns hilft, nachzuvollziehen, was andere fühlen, denken oder vorhaben, zudem das soziale neuronale Netzwerk im Hirn relevant ist (u.a. spielt die Inselrinde eine grosse Rolle). Wissenschaftler sprechen hier von der Theory of Mind, was bei Kindern erst ab 1,5 bis 3 Jahren im Zuge der Hirnreifung und Erziehung entwickelt wird.

Empathie ist angeboren, ABER…

Wie kommt es, wenn Empathie angeboren ist, dass es so viel Gewalt und Egoismus gibt? Hier spielen Elemente wie Zugehörigkeit, Fairness und Gleichwertigkeit eine ganz entscheidende Rolle.

Wie das die Neurowissenschaft und die Tiefenpsychologie erklären, wie man Mitgefühl und Kooperation fördern kann und weshalb die Empathie durch die digitalen Medien verloren geht (vgl. Cyberbullying), findest Du demnächst in einem Fortsetzungs-Artikel.

Das Thema vertiefen – 3 Tipps:
Vortrag mit Prof. Joachim Bauer – 09.04.2016 in Zürich:
Sendung (ARTE 23.02.2016 / ARTE-Mediathek):
Gratis-i-Book von dasGehirn.info:
Quellenangaben

Bücher:

  • Bauer, Joachim: Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren, Heyne-Verlag, München 2006
  • Datler, W./ Gstach, J./ Wininger M. (Hrsg.): Alfred Adler – Schriften zur Erziehung und Erziehungsberatung (1913-1937), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009

Links:

  • http://future.arte.tv/de/altruismus
  • https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen
  • http://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/egoismus/pwwbegoismus100.html
  • http://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/egoismus/pwiealtruismus100.html
  • http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/2009/altruismus-zwischen-natur-und-kultur-100.html
  • http://www.deutschlandfunk.de/das-soziale-gehirn-warum-wir-mitfuehlen-und-mitleiden.1148.de.html?dram:article_id=299380
  • http://www.deutschlandradiokultur.de/mitfuehlen-mit-anderen.1270.de.html?dram:article_id=191263
  • http://www.zeit.de/wissen/2009-9/evolution-altruismus
  • http://www.fr-online.de/literatur/frans-de-waal–der-mensch–der-bonobo——nicht-nur-menschen-sind-menschlich,1472266,31746406.html
  • http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/das-soziale-gehirn/-/id=660374/did=16632102/nid=660374/1mx96cs/index.html