Die viereinhalbjährige Nelly (Name geändert) sitzt vertieft vor ihrer Zeichnung. Ihre Bilder faszinieren durch ihre Intensität, Reichhaltigkeit und Differenziertheit. Diese Merkmale fallen bei künstlerisch begabten Kindern schon im Alter von 4 und 5 Jahren auf. Ihre Interessen und Fragen werden in den gewählten Motiven sichtbar. Da künstlerisch begabte Kinder in diesem Alter oft noch nicht schreiben können, bevorzugen sie als Ausdrucksmittel das Zeichnen. Sie beobachten, denken nach und stellen sich Fragen. Sie experimentieren und forschen beim Gestalten.

Nelly untersucht beim Malen ganz verschiedene Dinge. Ihre bevorzugten Themen sind Tiere, Blumen und Feen. In ihrer Tierzeichnung (bestehend aus verschiedenen kleinen Zeichnungen) wird sichtbar, wie differenziert und genau sie beobachtet. Das Wahrgenommene gibt sie in der Zeichnung wieder. So sind auch kleinste Details des Chamäleons, des Pfaus und der Vögel abgebildet.

Auch die Phantasie gibt Nelly Anlass zum Gestalten. Feen mit  Kleidern, Frisuren, Haar- und Stofffarben bevölkern ihre Zeichnungen. Auf diese Weise taucht sie in ihre Phantasiewelten ein. Sie erlebt sie und macht sie zeichnend sicht- und greifbar.

 

Zu Beginn der Schulzeit kann sich eine künstlerische Begabung zum Beispiel wie folgt zeigen:

Der siebeneinhalbjährige David (Name geändert) beschäftigt sich intensiv mit Schiffen. Kürzlich fuhr er in den Ferien mit einer Fähre. Nun setzt er sich mit den Erfahrungen und Beobachtungen dieser Fahrt auseinander. Kaum hat er eine Zeichnung beendet, nimmt er die nächste in Angriff. Ein Schiff nach dem anderen entsteht.

Beim genaueren Betrachten einer Zeichnung fallen die räumlichen Lösungen auf. Das Schiff wirkt dreidimensional. David wählt den ungewöhnlichen Blickwinkel von oben rechts. Er wählt ihn aufgrund seiner Erinnerung. Dass ihm dies gelingt, setzt ein enormes Bildgedächtnis und eine grosse Vorstellungskraft voraus. Weitere räumliche Effekte entstehen durch verkürzte Linien, Verdeckungen und das übereinander Schichten von Bildelementen.

David interessiert sich für dieses Fahrzeug auf hoher See, er kann sich stundenlang damit beschäftigen. Seiner Mutter fällt auf, dass David beim Zeichnen sehr fokussiert ist und ausserordentlich lange Aufmerksamkeitsspannen hat. 7-jährige Kinder können sich in der Regel während rund einer halben Stunde konzentrieren. David gelingt dies aber bis zu eineinhalb Stunden. Alle diese Fähigkeiten werden ihm in Zukunft auch in anderen Fachbereichen helfen. Zeichnen und Gestalten ist  auch für den inzwischen 9-jährigen David die bevorzugte Beschäftigung in seiner Freizeit.

Aus den Portraits von Nelly und David lassen sich folgende Aspekte von künstlerisch begabten Kindern und ihren Zeichnungen ableiten:

Realistische Abbildungen und Räumlichkeit

Künstlerische begabte Kinder beobachten ihre Umwelt und möchten sie so realistisch wie möglich abbilden. Ihre Zeichnungen wirken oft ausserordentlich räumlich. Das kann Ihnen mit perspektivischen Mitteln gelingen, etwa mit einer Parallelperspektive, wie sie zuweilen schon von 8 –jährigen verwendet wird (In der Regel tun dies 12 bis 13-Jährige.) Überdeckungen, Verkürzungen und verschiedene Blickwinkel sind weitere Elemente, die eine räumliche Wirkung erzeugen, wie z.B. beim Schiffbild.

Intrinsische Motivation und lange Konzentrationsspannen

Künstlerisch begabte Kinder erleben beim Gestalten Lust und Freude, Neugierde und Selbstwirksamkeit. Während diese Beweggründe zur intrinsischen Motivation gehören, wird die extrinsische Motivation durch Noten, Preise, Geld und Anerkennung angeregt.

Künstlerisch begabte Kinder haben eine sehr klare Vorstellung von dem, was sie interessiert. Sie haben ein ureigenes Bedürfnis zu gestalten. Meistens bewegen sie sich  in ihrem Lernprozess autonom und bringen sich vieles selber bei. Sie sind sehr aktive und neugierige Selbstlerner. Beim Gestalten können sie stark fokussieren und haben überdurchschnittlich lange Konzentrationsspannen.

Intensiv produzieren und Themen erforschen

Der unbändige Wissensdurst und die Neugierde zeigen sich im wiederholenden und differenzierenden Gestalten eines Motivs. Die Faszination an einem Thema, wie z. B. Dinosaurier, kann über Jahre bleiben. Früher waren Wissenschaftler mit Bleistift, Farbstiften und Skizzenheft unterwegs. Beobachtungen wurden schriftlich und zeichnerisch festgehalten.  Ähnlich verhält es sich bei künstlerisch begabten Kindern. Auch sie beobachten und forschen beim Zeichnen und Gestalten. Sie erkennen eine Struktur und machen sich Gedanken zum Aufbau, beispielsweise einer Pflanze oder eines Tieres.

Erfinden von eigenen Welten

Etwas realistisch abzubilden oder ein Thema zu erforschen kann die Absicht einer Zeichnung sein. Zudem kann die eigene Fantasiewelt Anlass zum Gestalten geben. Basis dazu sind die Erfahrungen aus ihren Beobachtungen.

Nelly hat sich damit auseinandergesetzt, wie Menschen abgebildet werden können. Sie kann mit dem erworbenen Wissen nun verschiedene Fabel- und Fantasiewesen kreieren. Ältere Kinder und Jugendliche interessieren sind oft für Science Fiktion, Figuren aus Fantasiebücher, etwa Drachen, Kämpfer oder Mangas. Viele Bücher und Games bewegen sich in Fantasiewelten. Sie sind ein äussert anregendes Bildmaterial, das künstlerisch begabte Kinder und Jugendliche inspiriert.

Gestalten in der Freizeit

Viele künstlerisch begabte Kinder gestalten täglich in ihrer Freizeit, mitunter während mehreren Stunden. Die Arbeiten sind meist differenzierter, komplexer und anspruchsvoller als solche, die in der Schule entstehen. Die Kinder ziehen  das Gestalten dem Sport, Lesen oder auch dem Fernsehen vor. Auch in meiner Masterarbeit hat sich diese Beobachtung bestätigt.

Autorin: Kathrin Berweger, www.artcoaching-berweger.ch