Die aktuelle Flüchtlingskrise in Europa bringt politische Turbulenzen mit sich und entsprechende dramatische Berichterstattungen in den Medien sorgen für gewaltiges Konfliktpotenzial. Auf politischer Ebene wird noch diskutiert, wie aktuelle und künftige flüchtlingspolitische Angelegenheiten, welche auf die Schweiz, Deutschland, Österreich und die anderen europäische Länder zukommen, gemeistert werden können.

Doch währenddessen ist es bereits zur unausweichlichen Tatsache geworden, dass sich die europäische Bevölkerung vor Ort mit Flüchtlingen auseinandersetzen muss. Beim Thema Umgang mit Flüchtlingen herrschen grosse Unsicherheiten, welche Ängste bei der europäischen Bevölkerung schüren, denn in Betrachtung der Flüchtlingskrise darf nicht vergessen werden: Die Flüchtlingskrise bietet zwei Seiten von Betroffenen, die sich zurzeit scheinbar gegenüber stehen.

Flüchtlinge versus Migranten

Einerseits sind unter Betroffenen die Flüchtlingsfamilien zu verstehen, welche sich auf der Suche nach Sicherheit auf eine gefährliche Reise begeben haben. Flüchtlinge verlassen im Gegensatz zu Migranten, welche der voranschreitenden Globalisierung zuzuordnen sind, keineswegs freiwillig ihr Heimatland. Flüchtlinge müssen dies aufgrund von andauernden lebensbedrohlichen Umständen wie Kriegen und Terror tun. Diese Menschen sind von existenziellen Ängsten geprägt und als Fremde in den ihnen fremden Ländern dringend auf Toleranz, Verständnis und Unterstützung angewiesen.

Kindern fällt es schwerer über schreckliche Erlebnisse zu sprechen

Zur Flüchtlingsarbeit und nachhaltigen Integration zählen beispielsweise Sprachunterricht oder Psychotherapie zur Aufarbeitung traumatisierender Erlebnisse, welche insbesondere Kinder betreffen. Kindern fällt es wesentlich schwerer als Erwachsenen, mit einschneidenden Erlebnissen wie Kriegszeiten, Verlassen der Heimat und Verlust von Angehörigen umzugehen.
Fühlen Kinder sich damit alleingelassen, haben sie keine Vertrauensperson oder können sie aus Furcht nicht darüber sprechen, holen ihre Traumata sie immer wieder ein und lösen Ängste und abnorme Verhaltensweisen aus.

Hilfreiche Bilderbücher

Genau daran setzt Susanne Steins Trauma-Bilderbuch an, welches im Internet kostenlos angeboten wird und in fünf Sprachen heruntergeladen werden kann. Das Bilderbuch bietet Familien oder deren Begleitpersonen eine Stütze zum Umgang mit Traumata und Angstsituationen. Spielerisch und neutral verweist das Werk auf die kindlichen Bedürfnisse nach Wärme und Stabilität, arbeitet mit Schatten-Metaphern für Ängste und betont die Unentbehrlichkeit einer Vertrauensperson, mit der auch schwierige Themen angesprochen und verarbeitet werden können. Ausserdem enthält es einige Ratgeberseiten mit konstruktiven Vorschlägen und verschiedenen Mal-Ideen, mit denen Eltern schreckliche, angsteinflössende Erlebnisse aktiv und selbstständig mit ihren Kindern aufarbeiten können.

Allerdings kommt die Frage auf: Gehören Themen wie Krieg und die Flüchtlingskrise in ein Bilderbuch für Kinder? Ja, denn „Kinder leben in der Realität“, so formuliert es Joséphine Billeter, Berner Autorin des Bilderbuches „Karim und die lange Reise“. In diesem Bilderbuch thematisiert sie die gefährliche Reise des Jungen Karim mit seinen Eltern, welche über das Mittelmeer fliehen wollen. Billeter meint, in den westlichen Schulen werden Fragen von Schülerinnen und Schülern wie auch von Lehrpersonen im Zusammenhang mit Flüchtlingen auftauchen und es werde künftig Kinder in den Klassen geben, welche ähnliche Geschichten wie Karin durchgemacht haben. Mehr Informationen zum Buch gibt es direkt bei der Autorin.

Weitere empfehlenswerte Bilderbücher für die Arbeit mit Flüchtlingskindern:

Unter www.onilo.de gibt es „Bestimmt wird alles gut“ von Kirsten Boie auch als kostenlose Boardstory, inkl. kostenloses Unterrichtsmaterial für Lehrpersonen.

Weiterbildungen für Lehrpersonen

Wie werden Lehrpersonen in der Schweiz mit solchen Situationen umgehen können? Das ist die andere Seite der Betroffenen der Flüchtlingskrise, die westliche Bevölkerung: Nicht selten dominiert Angst vor „Überflutung“ und „Fremdem“ die Diskussion über Flüchtlinge, wodurch die daran beteiligte Emotionalität gesteigert wird. Es wäre jedoch wichtig, die Situation analytisch zu betrachten. Es ist an der Zeit, sachliche Informationen zu vermitteln, Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit in der westlichen Bevölkerung zu leisten und die Leute im Umgang mit Flüchtlingen handlungsfähig zu machen. Besonders betrifft dies Lehrpersonen, welche in ihrem pädagogischen Alltag direkt mit Flüchtlingsfamilien und deren Kindern konfrontiert werden und deshalb Hilfestellungen benötigen, denn offizielle, politisch verankerte Richtlinien fehlen bislang.

Angebote wie die Weiterbildung für Lehrpersonen zur Integration von Flüchtlingskindern, welche die Pädagogische Hochschule St. Gallen zusammen mit der HfH (Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik) organisiert hat, stossen daher auf grosses Interesse. Die PHSG führt am 8. Juni einen weiteren Workshop für Lehrpersonen und weitere pädagogisch involvierte Personen zur Integration und Förderung von Flüchtlingskindern durch. Auch zum weiterführenden Thema „Jugendliche Flüchtlinge in der Berufsbildung“ bietet beispielsweise die PH Zürich eine Veranstaltung im September 2016.  Relevant ist bei solchen Informationsanlässen nicht nur die Unterstützung von Kindern aus Flüchtlingsfamilien, sondern auch die Toleranzerziehung der europäischen Kinder. Solche Weiterbildungen sind zielführend, denn sie nehmen Ängste vor neuen, unbekannten Situationen und geben den Lehrpersonen dadurch Sicherheit.

Call For Papers für das Journal of Peace Psychology

Der Diskurs um Migration und Flüchtlinge hat grosses politisches Konfliktpotenzial und verläuft daher sehr angeregt, viele verschiedene Positionen möchten sich zum Thema äussern. Dazu lädt der „Call For Papers“ des ESPMI (Emerging Scholars and Practitioners on Migration Issues) Network ein. Bis zum 1. August 2016 können Abstracts zum Thema „Refugee integration“ mit Schwerpunkt auf psychologische Aspekte sowie Auswirkungen von Exklusion und Integration eingereicht werden, welche dann in Form vollständiger Artikel im März 2017 im „Journal of Peace Psychology“ veröffentlicht werden.

Es bleibt zu hoffen, dass beide Seiten von Betroffenen der Flüchtlingskrise die „Angst vor Unbekanntem“ überwinden können und kooperieren. Offenheit und klar strukturierte pädagogische Integration von Flüchtlingskindern in die westlichen Schulen zeigen Verständnis und Mitgefühl und bilden den ersten Schritt vom „Gegenüber“ zu einem „Miteinander“ der beiden Seiten.

Kennt Ihr noch weitere Weiterbildungsangebote, Unterrichtsmaterial, Bilderbücher zu dieser Thematik? Gerne nehmen wir sie hier in die Ressourcensammlung auf.

Weitere Ressourcen
Quellen
  • http://www.ecre.org/refugees/refugees/who-are-refugees.html
  • www.hfh.ch/fileadmin/files/documents/Marketing_Kommunikation/Sprachliche_Integration_von_Flu%CC%88chtlingen_von_judith_meyer_2016_04_28_nb.pdf
  • http://www.ndr.de/903/Interview,stein308.html
  • http://www.phsg.ch/desktopdefault.aspx?aspxerrorpath=/contentxxl/admin/ObjectEditManager/desktopdefault.aspx/tabid-2654/
  • http://www.phsg.ch/Portaldata/1/Resources/weiterbildung/weiterbildung/kurse/fluechtlinge/160310_fluechtlingskinder_integrieren.pdf
  • http://www.phsg.ch/Portaldata/1/Resources/weiterbildung/weiterbildung/kurse/fluechtlinge/160411_st_galler_tagblatt.pdf
  • https://phzh.ch/de/Weiterbildung/Weiterbildung-Berufsfachschulen/Weiterbildungsaperos/Jugendliche-Fluechtlinge-in-der-Berufsbildung-Wer-sind-sie-Was-brauchen-Sie-n144238118.html
  • http://www.susannestein.de/VIA-online/traumabilderbuch.html