Wenn wir von Gewalt sprechen, denken viele an physische Gewalt. Dabei kann psychische Gewalt, welche verbal und nonverbal ausgeübt wird, ebenso verletzend, ja sogar traumatisierend wirken.
Wort und Haltung beeinflussen die Qualität menschlicher Beziehungen stärker als oftmals angenommen.
Verletzende Kommunikation drückt den „Angegriffenen“ in eine Minderwertigkeits-Position und bringt den „Angreifer“ – für einen kurzen Moment – in die Überlegenheit. Die Beziehung leidet und die Kooperationsbereitschaft bleibt aus.
Der „Angreifer“ agiert selber aus einer Unterlegenheit und Unzufriedenheit heraus. Unerfüllte Bedürfnisse und unangenehme Gefühle (Frust, Ärger, u.a.) führen zu einer Strategiewahl, welche leider keine Bedürfniserfüllung bewirken: die verletzende Kommunikation, welche aus der Minderwertigkeit entsteht, bewirkt nur kurze Befriedigung.
Eine Verbesserung der Kommunikationsqualität bedingt ein Bewusstmachen und ein Arbeiten an mir selber. Es fordert aber auch eine Verantwortungsübernahme dafür, was ich jeweils in den Kommunikationskanal hinein gebe.

9 Beispiele verletzender und beziehungsschädigender Kommunikation

Vorwürfe, Anklagen, Beschuldigungen
„Du hast bestimmt nicht an meinen Geburtstag gedacht.“ „Du trinkst zu viel.“ „Du könntest dich ruhig mal mehr um die Kinder kümmern.“ „Mein Gott, du hast so wenig Eigeninitiative! – Zum Glück bin ich noch da, damit der ganze Laden läuft.“
Drohungen, Erpressungen
„Wenn du nicht sofort still bist, setzt es was.“ „Wenn du nicht endlich mithilfst, kannst du den Reitunterricht vergessen.“ „Wag es ja nicht!“
Kritik, Nörgeln
„Dein Geköch ist so fantasielos – Es gibt heute bestimmt wieder nur Pasta!“ „Der Geschirrspüler ist schon wieder falsch eingeräumt.“ „Könntest du nicht endlich mal deine Jacke aufhängen?“
Pauschalisieren
„Das ist ja wieder typisch!“ „Dauernd kommst du zu spät!“ „Nie hast du Zeit für mich.“ „Du lässt immer deine Sachen rum liegen.“ „Jeder hätte schon lange verstanden, worum es hier geht.“
Vergleichen
„Du bist wie deine Mutter.“ „Dein Bruder kann das schon viel besser als du.“ „Als ich in deinem Alter war, hätte ich mir so etwas nie erlaubt.“
Beleidigung, Beschämung, Demütigung
„Du frecher Rotzlöffel!“ „Du bist zu nichts zu gebrauchen.“ „Du bist eine einzige Enttäuschung.“ „Du Faulpelz!“ „Nichts kannst du richtig machen.“ „Wie peinlich du aussiehst!“
Ironie, Sarkasmus
„Mit deinem Kochtalent, könntest du ja glatt im Kochduell auftreten.“ „Wenn du fleissig weiter übst, schaffst du es vielleicht auch noch.“ „Na das hast du ja grossartig geschafft: Nun haben wir den Frühbucherrabatt für die Ferien verpasst!“
Ausreden, Rechtfertigungen
„Gerade wollte ich anfangen.“ „Wenn du mich nicht immer ablenken würdest, hätte ich das schon lange erledigt.“ „Ich war’s nicht.“ – „Er hat zuerst zurück geschlagen.“
Bagatellisieren
„Tu doch nicht so. Das ist doch nicht so schlimm.“ „Mach doch kein Drama.“ „Halb so wild.“ „Das wird schon.“

Kommunikation und Hirnchemie

Verletzende Kommunikation und Hirnchemie
Verletzende Kommunikation aktiviert das Angst- und Stresszentrum im Hirn, Stresshormone werden ausgeschüttet. Der Betroffene reagiert mit Angriff oder Rückzug. Die Motivation zur Kooperation wird gehemmt, das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl nehmen ab. Es werden dabei im Hirn dieselben Schmerzzentren wie bei physischem Schmerz aktiviert. Über längere Zeit kann Entwertung traumatisierend wirken, wie dies zum Beispiel bei vielen Mobbingopfern der Fall ist. Die mangelnde Zugehörigkeit kann zu Isolation und Depression führen.
Wertschätzende Kommunikation und Hirnchemie
Wertschätzende und ermutigende Kommunikation lösen eine Ausschüttung von Dopamin, Oxytozin und Serotonin im Gehirn aus. Die 3 Botenstoffe sind für Glücksgefühle zuständig, wobei das Oxytozin beziehungsstärkend wirkt. Das Dopamin beeinflusst die Motivation grundsätzlich positiv und steigert das Selbstvertrauen sowie das Selbstwertgefühl. Das Zugehörigkeitsgefühl wird genährt und regt die Kooperationsbereitschaft an.

Wir geben weiter, was wir gelernt haben

In diesem kanadischen Präventionsfilm aus der Reihe „Les enfants voient – Les enfants apprennent“ sieht man schön, was für einen Effekt, Wortgewalt haben kann: Zum einen, sagt die Körpersprache des Jungen einiges aus, zum anderen, ist das Weitergeben der Wut an das nächst schwächere Glied besonders eindrücklich.

Respekt und Achtung verlieren sich am schnellsten in der Wut. (Julian Scharnau)

Weiterführende Links und Bücher

Die Inspiration zu diesem Artikel habe ich aus den Büchern Joachim Bauers, aus der Individualpsychologie und aus den Kommunikationstheorien von Marshall B. Rosenberg und Jacques Salomé entnommen. Wer diese Thematik vertiefen möchte, dem empfehle ich folgende Bücher:

In folgenden 3 Büchern von Joachim Bauer finden sich Erklärungen zum Einfluss der Beziehung(en) auf die Hirnentwicklung, Motivation und Kooperation.

Wer mehr aus der Individualpsychologie erfahren möchte, findet Infos zu Minderwertigkeit, Kompensation, Zugehörigkeitsgefühl und Kooperation hier:

Bücher zur wertschätzenden Kommunikation gibt es wie Sand am Meer. Anbei 2 kleine GfK-Bücher + 1 Übungsbuch nach Jacques Salomé: